ETIENNE
DECROUX
„L’homme qui voulait rester debout“ Théâtre
de l’Ange fou
|
| "Bewegung ist eine unendliche
Aneinanderreihung von Haltungen." Etienne
Decroux (1891–1991)
Etienne
Decroux gilt als der Begründer der modernen Mime, der Mime
Corporel, und als Mitbegründer des zeitgenössischen
Körpertheaters. Er begann seine künstlerische Laufbahn
1923 an der Ecole du Vieux Colombier, unter der Leitung von Jacques
Copeau. Als Schauspieler arbeitete er unter anderen zusammen mit
Charles Dullin, Louis Jouvet, Gaston Baty, Jaques Prevert und
Antonin Artaud.
Decroux widmete sich lebenslang, zunächst neben seiner Bühnentätigkeit
und später ausschließlich, der Analyse des Körpers
und unterrichtete das von ihm erfundene Bewegungsvokabular der
Mime Corporel. Er war zugleich Künstler, Forscher und Lehrer.
1941 eröffnete er seine eigene Schule und erforschte dort,
inspiriert durch die Ideen Gordon Craigs und die Ästhetik
griechischer Statuen bzw. derer von Auguste Rodin, die Bewegungs-
und Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers.
Mittels der De- und Rekonstruktion von Bewegungsabläufen
entwickelte er ein eigenständiges dramatisches Körpervokabular
bzw. eine Grammatik der Gesten, die dem Körper einen dreidimensionalen
und plastischen Wert zugesteht. Die Haltung des Körpers,
arretierte Bewegungsmomente in denen Körperglieder, Idee
und Form miteinander harmonieren, bildete Decroux’s ästhetisch-philosophische
Basis, wohingegen er Bewegung lediglich als eine Aneinanderreihung
dieser Haltungen bezeichnete. Körperlicher Ausdruck, Gegengewicht,
Gänge, Figuration, bewegliche Statuen, Dynamik und Musikalität
der Bewegung sind Begriffe, die das Training der Mime Corporel
bestimmen. Die von Decroux entwickelte und systematisierte Mime
Corporel Dramatique umfasst ein spezifisches Vokabular, ein Repertoire
und eine Philosophie.
Zu den zahlreichen Schülern Decrouxs gehörten Jean
Louis Barrault, Marcel Marceau, Giorgio Strehler.
Théâtre de l’Ange fou
Théâtre de l’Ange fou wurde 1984 in Paris
von den letzten Assistenten Decroux’s gegründet, Steven
Wasson (USA) und Corinne Soum (F). In ihren jährlichen Duo-
oder Gruppenprojekten entwickeln sie Stücke, die die theatralen
Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers innerhalb
moderner Dramaturgie aufspüren wollen. Darüber hinaus
ist das Théâtre de l’Ange fou spezialisiert
auf das Repertoire von Etienne Decroux und hat einen Großteil
seiner Stücke rekonstruiert und interpretiert, wie zum Beispiel
„Die Bäume“, „Die Fabrik“ oder „Die
Meditation“ in „L’homme qui voulait
rester debout“.
Wasson und Soum vermitteln zudem das Erbe Etienne Decroux’s,
die Technik der Mime Corporel, in ihrer Schule Ecole de mime
corporel dramatique in London. |
Schulen:
Ecole de mime corporel dramatique (London) www.angefou.co.uk
Trident School of Mime (Belgien) www.trident-school.be
Citecorps (Barcelona) www.citecorps.net
Literatur:
Etienne Decroux Paroles sur le Mime (noch nicht übersetzt
ins Deutsche)
Workshop:
Mime Corporel Dozent: Oliver Pollak 2.–8.5.2005 Mime Centrum
Berlin
In den Archiven des Mime Centrum finden Sie ein umfangreiches
Film-und Textmaterial zu Decroux! |
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VSEVOLOD
MEYERHOLD
„Eine gewisse Anzahl Gespräche“
(eine szenische Umsetzung der Biomechanik, Regie: C. v. Treskow)
|
Vsevolod
E. Meyerhold
... wurde 1874 in Penza in Rußland geboren. Nach einem
abgebrochenen Jurastudium absolvierte er eine Schauspielausbildung
an der Moskauer Theaterschule von Stanislawski und brillierte
anschließend in Stanislwaskis Inszenierungen am Moskauer
Künstlertheater.
1902 begann schließlich seine eigene Laufbahn als Theaterregisseur.
In 37 Jahren inszenierte er mehr als 290 Stücke. Zunächst
noch fasziniert vom naturalistischen Stil Stanislawskis, wendete
er sich von diesem alsbald ab, auf der Suche nach einer abstrakten,
intensiven und dynamischen Theatersprache, die in der Lage sein
sollte, eine unabhängige Realität auf der Bühne
zu schaffen. Angeregt vom Symbolismus und Konstruktivismus und
in Auseinandersetzung mit verschiedenen Theaterformen (Commedia
dell’Arte, Kabuki, Tragödie, das Groteske, ...) und
– Epochen (Renaissance, ...) entwickelte Meyerhold seine
einzigartige Theatersprache. Er war der erste russische Regisseur,
der einen symbolischen Stil theatraler Repräsentation anwandte.
Die Bedeutung des Körpers für die Darstellung manifestierend,
einen hohen Wert an Plastizität suchend, legte Meyerhold
großen Wert auf die (körperliche) Ausbildung der Schauspieler.
Über Jahre hinweg erfand er eigene Trainingsmethoden, die
schließlich zum festen Bestandteil seiner Inszenierungen
und der Ausbildung seiner Schauspieler wurden.
Meyerhold, der zunächst leidenschaftlicher Befürworter
der Oktoberrevolution und des politischen Umschwungs war, hatte
unter dem Druck des stalinistischen Regime zu leiden. Sein Theater
wurde des Mangels an realistischer Klarheit und politischer Relevance
beschuldigt. Nach jahrelanger Auseinandersetzung wurde er 1939
verhaftet und ein Jahr später unter dem Vorwand staatsfeindlicher
Aktivitäten in Moskau hingerichtet.
Weil das Schaffen des Schauspielers im Schaffen
plastischer Formen im Raum besteht,
muß er die Mechanik seines Körpers studieren.
Meyerhold
Die Biomechanik
Die Biomechanik bezeichnet ein von Meyerhold eingeführtes
System des Schauspielertrainings, mit dessen Hilfe der Schauspieler
zu einem ökonomischen, genauen und plastischen Einsatz seiner
Ausdrucksmittel und Bewegungen gelangen soll. Die im Training
erlernten körperlichen Bewegungsstrukturen sollen als Basis
der Arbeit des Schauspielers dienen, indem sie als psychophysische
Muster verinnerlicht sind. Die Funktionsweise dieser Schauspielpraxis
basiert auf Meyerholds schauspieltheoretischen Ansatz, nachdem
das innere psychische Moment vom äußeren physiologischen
abzuleiten ist.
Das Kernstück der Biomechanik bilden ungefähr 42 Etüden
(„Der Bogenschütze“, „Der Steinwurf“,
...). Diese Etüden bestehen aus in ihre Grundelemente zerlegte
Bewegungen, die erneut zu einem Bewegungszyklus zusammengeführt
sind. Doch dem Trainingsprinzip der Etüden voran stehen vorbereitende
Übungen, in denen der Schauspieler grundlegende Bewegungselemente
und Fertigkeiten trainiert (Orientierung im Raum, beherrschen
von Gegenständen, Spiel mit dem Partner, Gymnastik, Akrobatik,
Tanz, Rhythmik, Fechten, Boxen).
In ihrer Ästhetik verfolgt die Biomechanik ein Totalitätsprinzip,
dementsprechend der Körper bei der Realisierung einer jeden
Bewegung als Ganzes reagiert. Darüber hinaus ist die körperliche
Darstellung durch Spannung und Entspannung, durch individuelle
und kollektive Rhythmizität geprägt und wird in einen
dreidimensionalen Theaterraum plaziert. Nach Meyerhold muß
die Bühnenbewegung organischer, kontrollierter und ausdrucksvoller
als die Alltagsbewegung sein. Seine Biomechanik versucht einen
hohen Grad an Plastizität in der körperlichen Darstellung
zu erreichen. Und schließlich ist der Körper der Ursprung
jeder Darstellung.
Das Mime Centrum Berlin und die Biomechanik
1991 begann ein langjähriges und intensives Theater - Forschungsprojekt
des Mime Centrum Berlin, mit dem Ziel die bis dato schleierhaft
überlieferte Biomechanik Meyerholds zu rekonstruieren.
Mit der Untersuchung eines über Jahrzehnte lang unzugänglichen
Archivs gelang es dem Mime Centrum bis dahin unbekanntes Schrift-
und Bildmaterial Meyerholds der Forschung zugänglich zu machen.
Darüber hinaus erreichte das Mime Centrum in Zusammenarbeit
mit Gennadi Bogdanov einige Etüden der Biomechanik zu rekapitulieren,
die schließlich ihr Kernstück bilden. Gennadi Bogdanov
ist heute der Einzige, der besagte Etüden aus erster Hand
überliefern kann. Er wurde von Kustow in die Systematik und
Fertigkeiten der Biomechanik eingewiesen. Dieser war Schüler
und Instrukteur an der staatlichen Meyerholdschule gewesen und
letztlich derjenige, der Meyerholds Methodik systematisierte.
Über die theoretische und praktische Auseinandersetzung
mit dem historisch überlieferten Material Meyerholds hinaus,
war und ist das Mime Centrum Berlin bemüht, die Möglichkeiten
der Nutzung der Biomechanik für zeitgenössische Inszenierungen
zu untersuchen. In diesem Zusammenhang entstand unter anderen
die Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst
Busch.
Das Biomechanik Projekt
1995 fand in Zusammenarbeit der Hochschule für Schauspielkunst
Ernst Busch und des Mime Centrum Berlin mit den Berliner Festspielen
ein Projekt statt, daß versuchte junge Schauspieler mit
den Methoden der Biomechanik vertraut zu machen. Hierzu wurde
Gennadi Bogdanov geladen, der zum einen die langwierige Trainingsphase
leitete und später die Proben zu den Inszenierungen von Ostermeier
und von Treskow begleitete. Denn Ziel war es, das jüngst
wiederbelebte historische Material für die Theaterarbeit
fruchtbar zu machen.
Die erste Phase dieser Arbeit begann im Februar 1995 mit
einem zweiwöchigen intensiven Körpertraining, abgestimmt
an die Anforderungen an den Schauspieler der Biomechanik.
Die bekannten Etüden, die wir für den Hauptteil
der „Ausbildung“ hielten, bildeten nur einen kleinen
Teil derselben. Der Hauptakzent lag auf körperlicher Kraft
und Ausdauer, Gleichgewichtssinn und artistischer Geschicklichkeit.
Bis zum Beginn der eigentlichen Inszenierungsarbeit im Mai haben
wir dann zusammen mit Ralf Räuker vom Mime Centrum Berlin
versucht, das bisher Erarbeitete „frisch zu halten“
und zu vertiefen. Den täglichen szenischen Proben unter unserer
Leitung – und dem helfenden Blick Bogdanovs – gingen
wiederum zweistündige Trainingseinheiten unter seiner Ägide
voraus.
Die Chance in der Beschäftigung mit der Biomechanik
sehen wir darin, die eingefahrene Methodik unseres westeuropäischen
Theaters zu überprüfen und Alternativen zum kränkelnden
„Literaturtheater“ zu suchen.
Jedoch versuchten wir stets, in der Arbeit eine bloße
Wiederaufbereitung historischer Theaterformen zu vermeiden, um
nicht in die Versuchung zu geraten, lediglich eine an Etüden
orientierte Arbeitsdemonstration vorzustellen.
Im Vordergrund stand deshalb die Erarbeitung zweier eigenständiger
Inszenierungen und ihrer Inhalte. Es erschien uns interessant,
im Zusammenhang mit Meyerhold zwei Stücke zu wählen,
die für uns Anfang und Ende einer Epoche markieren, einer
Epoche, die Aufbruch und Zerstörung einer gesellschaftlichen
Hoffnung erlebte.
Thomas Ostermeier („Die Unbekannte“), Christian
v. Treskow („Eine gewisse Anzahl Gespräche“) |
Elixier des Alltags sind
Träume und Visionen
„Eine gewisse Anzahl Gespräche“
Aleksandr Vvedenskij (1937/38)
... drei Intellektuelle in einem Raum,
verstrickt in „Eine gewisse Anzahl Gespräche“.
Die drei sind im Irrenhaus.
Premiere: September 1995 im bat - Studiotheater
Regie: Christian von Treskow
Schauspielmethodische Leitung: Gennadi Bogdanov
Darsteller: u.a. Robert Beyer, Christoph Tomanek,
Martin Engler
Aufzeichnung: GP 15. September 1995 im bat –
Studiotheater
Die Momente der Konfrontation mit den Welten, in denen die
gewohnte Logik aufgehoben ist, gehören zu den glücklichsten,
die uns zugänglich sind. Das menschliche Unterbewußtsein
verschafft sich diese Momente im Traum: Scheinbar sinnlose Bilder
gewinnen im Traum eine neue, tiefere Wahrheit. Öffentlich
zu träumen, ja selbst das Festhalten der Beweisführung
absoluter Sinnlosigkeit, ist bereits ein Akt der Rebellion gegen
die Herrschaft der Logik und der Zeit.
Zu den ersten literarischen Traumprotokollanten gehörte
eine Gruppe russischer Schriftsteller, die innerhalb eines Menschenalters
miterleben mußten, wie der Versuch der Menschheit, sich
selbst zu befreien, seinen größten Triumph und seine
tiefste Niederlage erfuhr. Nicht genug damit, mußten sie
die Katastrophe mit Vernichtung von Leben und Werk bezahlen. Zu
dieser Gruppe, die unter dem Namen OBERIU die westeuropäische
Literatur des Absurden vorwegnahm, gehörte Aleksandr Vvedenskij.
Christian v. Treskow
Literatur:
Bochow, Jörg, Das Theater Meyerholds und die Biomechanik.
Berlin 1997. Hrsg. Mime Centrum Berlin
Meyerhold, W.E., Schriften. 2Bde. Berlin 1979.
Film:
Das Theater Meyerholds und die Biomechanik. Hrsg. Mime Centrum
Berlin
Museum:
Meyerhold Gedenkhaus in Moskau. www.meyerhold.org
Bitte beachten Sie das umfangreiche Film- und Textmaterial zu
Meyerhold in unseren Archiven!
Hinweise zu internationalen Workshops von Gennadi Bogdanov und
internationalen Zentren der Biomechanik finden Sie auf unserer
Internetseite!
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Filmbiographie
über Antonin Artaud |
Antonin Artaud
Antonin Artaud wurde 1896 in Marseille geboren. 1920 ging er
nach Paris und erregte als Schauspieler Aufsehen. Er schloss sich
dem surrealistischen Dichterkreis um André Breton an und
schrieb Prosagedichte und Dramen. 1926 gründete er das Théâtre
Alfred Jarry, an dem er aus Protest gegen das abendländische
Theater sein vom orientalischen Theater beeinflusstes Theater
der Grausamkeit entwickelte und zugleich als Dramatiker,
Regisseur, Schauspieler und Bühnenbildner arbeitete. 1932
erschein sein berühmtes Manifest Das Theater der Grausamkeit,
1938 der Sammelband Das Theater und sein Double. Von
Reisen nach Mexiko (Voyage au Pays des Tarahumaras) und
Irland kehrte er 1937 mit Wahnsymptomen nach Paris zurück
und verbrachte anschließend neun Jahre in Heilanstalten.
Antonin Artaud starb am 4.3.1948 in Ivry-sur-Seine.
Artaud und der Körper
Aus dem Geiste des Surrealismus heraus entwickelte Artaud ein
nichtliterarisches, metaphysisches magisch-religiöses Theatermodell.
Dem der abendländischen Kultur entsprungenem Rationalitätsdenken
entgegen sollte dem Unbewussten ein autonomer und positiver Status
zugestanden werden. Aus der Spontaneität des Unbewussten
geboren, ist jede Aufführung so unvorhersehbar und unwiederholbar
wie jeder andere Akt des Lebens.
Die Bühne ist für Artaud ein Ort des Konkret-Körperlichen,
an dem, wenn überhaupt, eine Sprache gesprochen werden muss,
dann eine, die sich primär an die Sinne richtet. Die wahre
Sprache des Theaters ist für Artaud eine körperliche,
stofffeste, handfeste Sprache, eine Sprache der Gesten und Gebärden,
des Raumes und der Objekte. Gedanken und Gefühle nehmen eine
konkret-bildhafte Gestalt an, begleitet von Lauten, die an den
Ursprung der Worte zurückführen.
Seiner Skepsis gegenüber der Wortsprache entspringenden
Auslegung der schauspielerischen Praxis und Theorie auf das Körperliche
entsprechend, orientierte sich Artaud einerseits an der französischen
Mime-Tradition, andererseits am balinesischen Tanztheater. Im
fernöstlichen Theater besteht die Aufgabe des Schauspielers
nicht darin, das Diesseitige darzustellen, sondern eine suggestive
Ansicht vom universellen Sein zu enthüllen, die den Zuschauer
in seinen seelischen Tiefenschichten erschüttert. Nach Artaud
sollte der Schauspieler mittels extremer Ausdruckszeichen den
Zuschauer ins Delirium versetzen, ihn hypnotisieren, ihm „Metaphysik
via Haut“ vermitteln.
Der einzige Versuch einer praktischen Umsetzung seines magisch-metaphysischen
Theaterkonzeptes war Artauds Inszenierung der italienischen Tragödie
Les Cenci 1935 in Paris. Die Kritiken waren vernichtend; hervorgehoben
wurde lediglich, dass der Regisseur selbst die Hauptrolle mit
„kaum vorgetäuschter Raserei“ gespielt habe.
|
Literaturhinweise:
Artaud, Das Theater und sein Double
Artaud, Das Alfred-Jarry-Theater |
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J.
GROTOWSKI "Der standhafte Prinz" |
Grotowski,
Jerzy (1933-1999), polnischer Schauspieler, Regisseur
und Theaterleiter. Bekannt wurde er durch seine Konzeption der
Schauspielkunst als Selbsterfahrung und durch seine damit verbundene
Forderung nach einem „armen Theater”.
Grotowski wurde am 11. August 1933 in Rzeszów geboren
und war 1959 Mitbegründer des Theaterlaboratoriums der 13
Reihen in Opole (gemeint sind die Zuschauerreihen), das 1965 gemeinsam
mit dem Institut zur Erforschung der Schauspielkunst nach Wroclaw
verlegt und 1984 aufgelöst wurde. Hier entwickelte er nach
1975 eine im Gegensatz zum Requisitentheater stehende und das
Körperliche hervorhebende Ausdrucksweise, die die existentielle
Selbsterfahrung des Schauspielers und des Publikums ins Zentrum
ihres Interesses stellte. Später war Grotowski für das
internationale Theater der Quelle aktiv und absolvierte zahlreiche
Auslandstourneen. Mit seinen Theorien wirkte er entscheidend auf
die moderne Schauspielerausbildung. 1968 veröffentlichte
Grotowski sein Buch Für ein armes Theater, das seine Idee
einer kargen Bühne und einer starken körperlichen Präsenz
des Mimen nochmals formulierte; wichtig ist nicht die Identifikation
mit einer Rolle, sondern ein quasi rituelles, psychotechnisch
geschultes Über-Sich-Hinauswachsen des Akteurs zugunsten
seiner Selbsterkenntnis und -befreiung. Diese nahezu religiöse
Hingabe an die Bühne geht einher mit einer Ablehnung materieller
Güter und einem nahezu sektenhaften Zusammenleben des Ensembles.
Zu den von Grotowski beeinflussten Institutionen gehört
u. a. das Living Theatre, das Odin Teatret Eugenio Barbas sowie
das La Mama Theatre. Der Regisseur starb am 4. Januar 1999 in
Pontedera (Italien).
Der standhafte Prinz (Wroclaw, 1965) fußt
auf einem Text Calderón de la Barcas, in einer Adaption
durch Slowacki. Grotowski gibt seine eigene Vision des Werkes,
die sich vom Original weitgehend unterscheidet.
Die Aufführung präsentiert eine spezifische Studie
des Phänomens „Standhaftigkeit“. Allen Handlungen
der Leute, die um den Prinzen sind und ihn wie ein fremdes, merkwürdiges
Geschöpf betrachten, allen diesen Handlungen setzt der Prinz
so etwas wie Passivität und unterwürfige Sanftheit,
eine Verliebtheit in einer höheren geistigen Ordnung entgegen.
Ihre Welt, die egoistisch und grausam ist, kommt an ihn nicht
heran. Obgleich sie mit ihm machen können, was sie wollen,
obgleich sie Herrschaft über seinen Körper und sein
Leben ausüben, können sie ihm nichts antun.
Die Zuschauer werden durch einen hohen Zaun, über welchen
sie gerade ihre Köpfe recken können, separiert. Sie
schauen aus dieser völlig schrägen Perspektive auf die
Schauspieler wie auf Tiere in einem Käfig herunter oder sie
verfolgen die Handlung, wie Medizinstudenten eine Operation beobachten. |
Literaturhinweis:
Grotowski, Jerzy. Für ein armes Theater |
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E.
BARBA "Odin Teatret, Theatre Laboratory for the art of the
actor"
(Dokumentarfilm vo E. Barba über die Bewegungsstudien
einer Theateranthropologie) |
Eugenio Barba
1936 in Süditalien geboren, emigrierte mit achtzehn Jahren
nach Norwegen, arbeitete dort als Schweißer und Seemann
und absolvierte sein Studium der Romanistik und Religionswissenschaft.
Seine Theaterlaufbahn begann Barba als Student der Theaterschule
in Warschau 1960, die er nach wenigen Monaten wieder verließ,
um sich Jerzy Grotowski anzuschließen, der zu dieser Zeit
mit den Forschungen in seinem «Theaterlaboratorium»
in Opole begann. Nach dreijähriger Arbeit mit Grotowski und
zahlreichen Reisen, die ihn zum Studium des orientalischen Theaters
besonders nach Indien führten, gründete er 1964 in Oslo
das Odin Teatret, das seit 1966 als «Nordisk Teaterlaboratorium
for Skuespillerkunst» in der dänischen Stadt Holstebro
arbeitet.
In zahlreichen Vorträgen und Veröffentlichungen hat
sich Barba seit 1962 zur aktuellen Theaterdiskussion und zu seiner
eigenen Arbeit geäußert.
Barba spricht von einem Theater des dritten Wegs. Es ist weder
ein Staatstheater noch ein Theater der Avantgarde.
Odin Teatret
Wie keine andere freie Theatergruppe hat das von Eugenio Barba
geleitete Odin-Theater Theorie und Praxis des europäischen
Freien Theaters beeinflußt. 1964 in Oslo von Autodidakten
gegründet, entwickelte es eine spezifische theatralische
Technik und integrierte dabei wesentliche Ansätze des avantgardistischen
Theaters im 20. Jahrhundert: Stanislavskij, Meyerhold, Eisenstein
sowie Grotowski oder Decroux.
Es geht, um die dauerhafte Aneignung von nicht-alltäglichen
Darstellungsprinzipien, die die Fähigkeiten des Schauspielers
zur Darstellung erweitern. Körpertraining ist dazu da, in
Übungen Gesetzmäßigkeiten zu erlernen. Durch die
Ausführung der Übungen werden die Gesetzmäßigkeiten
dem Körper gelehrt und sind in der Aufführungssituation
abrufbar.
Als freies Theater und unabhängige Forschungsstätte
außerhalb der Zwänge des institutionalisierten Theaters
im Norden Dänemarks konnte es mit einer Reihe hervorragender
Inszenierungen sowie durch theaterwissenschaftliche Impulse die
europäische Theaterlandschaft nachhaltig stimulieren. |
Literaturhinweis:
Barba, Eugenio. Jenseits der schwimmenden Inseln. Rowohlt Taschenbuch
Verlag 1985
Barba, Eugenio; Savarese, Nicola. A DICTIONARY OF THEATRE ANTHROPOLOGY.
Routledge 1991
|
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The
Living Theatre |
Das Living Theatre
ist eine anarcho-pazifistische Theatergruppe, die 1947 in New
York gegründet wurde und bis heute mit einer Gruppe in den
USA und einer weiteren in Italien vertreten ist. Durch die Kinodokumentation
"Resist" von Dirk Szuszies and Karin Kaper, ist das
Living Theatre seit einigen Jahren auch in der deutschsprachigen
Theaterszene zum Begriff geworden.
Gegründet wurde das Living Theatre von der Schauspielerin
Judith Malina und dem Maler und Poet Julien Beck. Nachdem Beck
1985 an Krebs starb, wurde Hanon Reznikov neben Judith Malina
zur zentralen Figur in der Gruppe.
In den 1950er Jahren, war das Living Theatre die erste Theatergruppe,
die wichtige europäische Autoren wie Bertolt Brecht, Jean
Cocteau, T.S. Eliot oder Gertrude Stein in den USA zur Aufführung
brachte. Anfänglich war das Living Theatre in kleinen Spielstätten
präsent, die oftmals aus finanziellen Gründen oder wegen
Problemen mit den Behörden schließen mussten. Das Living
Theatre war auch an der Entstehung der Off Brodway Theaterszene
beteiligt.
Dem Stück "The Brig", dass die Verhältnisse
in den Gefängnissen der US Marine aus einem antiautoritären
Blickwinkel betrachtet, führte 1963 abermals zur Schließung
einer Spielstätte sowie zur kurzzeitigen Festnahme von Julian
Beck und Judith Malina. Aufgrund des repressiven Klimas, das den
wenigen Gegnerinnen und Gegnern des Vietnamkriegs Mitte der 1960er
Jahre in den USA entgegen schlug, entschloss man sich als Gruppe
nach Europa zu emigrieren.
In dieser Zeit wurde das Living Theatre weiter politisiert,
was dazu führte, dass man sich immer mehr zu einer radikal
pazifistischen sowie anarchistischen Theatergruppe entwickelte.
Projekte wie Antigone und Frankenstein wurden kollektiv realisiert.
Das bekannteste Stück aus dieser Schaffensphase ist Paradise
Now, ein Improvisationsstück in dem das Publikum aktiv mit
einbezogen wird. 1968 kehrte das Living Theatre in die Vereinigten
Staaten zurück um mit Paradise Now auf Tour zu gehen.
1969 verließ ein Teil der Mitglieder die Gruppe. Judith
Malina und Julien Beck tourten mit dem verbleibenden Teil des
Living Theatre durch Brasilien, wo zu diesem Zeitpunkt noch ein
autoritäres Regime herrschte. Nachdem sie dort 1971 festgenommen
wurde, kehrte die Gruppe abermals nach New York zurück und
gründete sich dort neu. Zu diesem Zeitpunkt verließ
Joseph Chaikin das Living Theatre um das Open Theatre zu gründen.
Bis heute tourt das Living Theatre durch die Welt und besuchte
Deutschland zuletzt im Jahr 2004 im Rahmen des Projekts "Public
Playgrounds" des Forum Freies Theater. Wichtige Inhalte sind
auch heute noch die Auseinandersetzung mit Krieg, Diskriminierung
sowie Rassismus und Antisemitismus. Im Moment ist die Theatergruppe
unter anderem damit beschäftig eine fixe Spielstätte
in New York zu errichten. (Stand: April 2005) |
Literaturhinweis:
Malina, Judith (1972): The Enormous Despair. New York, Random
House.
Neff, Renfreu (1970): The Living Theatre, U.S.A.
Rostagno, Aldo, with Judith Malina and Julian Beck (1970): We,
the Living Theatre. New York, Ballantine Books.
The Living Theatre (1971): Paradise Now. New York, Random House.
Weblinks:
http://www.livingtheatre.org/
(Englisch)
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T.
KANTOR "Wielopole, Wielopole" |
Tadeusz
Kantor (1915-1990; Maler, Grafiker, Regisseur, Drehbuchautor,
Professor an der Akademie der Schönen Künste in Krakau)
Tadeusz Kantor wurde in dem kleinen galizischen Städtchen
Wielopole Skrzynskie geboren, als Sohn eines Juden und einer Katholikin.
Dort entwickelte sich gerade die Persönlichkeit des Menschen,
dessen Lebensgeschichte wie im Spiegel ihre Widerspiegelung in
seiner Kunst fand.
Nach einem Studium an der Krakauer Akademie der Schönen
Künste war Kantor zunächst als Maler und Bühnenbildner
tätig. Parallel zu der Malkunsttätigkeit wurde in Kantor
allmählich die Vision eines eigenen Theaters, wenn nicht
einer eigenen Welt, für die das Theater die Bühne und
der Inhalt gleichzeitig war, reif. Sein Interesse für die
Malerei hinterließ nachhaltige Spuren, nicht nur auf der
Leinwand, sondern auch auf der Bühne, denn Kantor blieb auch
im Theater ein in Bildern denkender Maler. Egal ob Schauspieler,
Puppen oder Requisiten - Kantor hantierte mit ihnen, als seien
sie Farbe, die er auf die Bühne spritzt. Kantors Kunst war
auf eine ungewöhnlich suggestive sichtbare Übertragung
gestützt.
1943 gründete er im besetzten Krakau ein Untergrundtheater,
aus dem 1955 sein experimentelles Theater „Cricot 2“
hervorgehen sollte. So entstand ein einzigartiges Theater, in
dem Töne, Gesten, Bilder und Symbole verbunden waren. Ein
Theater, das sich mit seinem Schöpfer insoweit vereinigte,
dass jegliche Versuche, Kantor von seinem Werk zu trennen, im
Voraus scheitern mussten. Der Meister, der auf der Bühne
auf seinem charakteristischen, hölzernen Klappstuhl saß
und der sich in die Aktivitäten der Schauspieler nervös
oder auch manchmal brutal einmischte, wurde zu einem untrennbaren
Bestandteil jedes Stückes, seinem Subjekt und Bühnenbildelement
sogar. Es ist auch im Grunde schwer zu sagen, ob die Schauspieler
in seiner Vorführungen in ihrem Wesen wirklich Schauspieler
und nicht nur Werkzeuge waren, die dem Genie bei der Verwirklichung
seiner Visionen behilflich waren. Kantor glaubte an den Künstler
in jedem Individuum. So hatten nur wenige seiner Schauspieler
überhaupt eine schauspielerische Ausbildung. Seiner Meinung
nach konnte jeder seine Aufgabe erfüllen: „Ich kenne
keine Trennungen der Künste. Kunst ist universell und nicht
begrenzt.“ Seine Forderung nach radikaler künstlerischer
Erneuerung des Theaters findet sich auch in den theoretischen
Schriften, Manifesten und Notizen.
Kantors Theaterarbeiten, die ihn und seine diversen Ensembles
weltberühmt machen sollten, machten sich auf faszinierende
Art und Weise das Sujets des Todes und der Erinnerung zu eignen.
Er erschuf in seinen Stücken suggestive Räume voller
Lebender und Toter. Seine Stücke wie „Mtwa“ (Tintenfisch)
aus dem Jahr 1955 oder „W maym Dworku“ (Im kleinen
Landhaus) erregten großes Aufsehen. Doch Kantor gab sich
mit den Erfolgen nicht zufrieden. Mehrmals wagte er einen Neustart,
wie z. B. mit seinem Projekt „Theatre Informel“ von
1960 bis 1962 oder dem späteren „Zero Theatre“.
Mitte der 70er Jahre schuf er das „Theater des Todes“,
das mit dem Stück „Die tote Klasse“ Premiere
feierte. Hier wie in späteren Stücken (u. a. „Wielopole,
Wielopole“) befasste sich Kantor mit der Faszination des
Sterbens. Es sind Stücke, die nicht „erklärt“
sein wollen und die nur über Assoziationen zu verstehen sind.
Der Maler Kantor schuf Bilder, die gleichzeitig faszinierend,
lähmend, komisch und grausam waren.
Ironie oder Vorahnung - Kantors letztes Stück, das 1988
uraufgeführt wurde, trug den Titel „Ich kehre nicht
mehr zurück“. Auf dem Friedhof Rakowice in Krakau sitzt
in einer kleinen Schulbank ein Junge aus der toten Klasse. Ein
Kreuz, an die Banklehne gestützt, auf dem Pult ein Schulheft.
Das ist Tadeusz Kantor auf dem Wege ins Unbekannte, den er mit
dem Scheinwerfer seiner Kunst zu beleuchten versuchte. |
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P.
BROOK "Marat/Sade" |
"Ich kann jeden leeren
Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht
durch den Raum, während ihn ein anderer zusieht; das ist
alles, was zur Theateraufführung notwendig ist."
Peter Brook: "Der leere Raum"
Peter
Brook, geboren am 21. März 1925 als Sohn russischer
Einwanderer in London, zählt zu den bekanntesten Regisseuren
des internationalen Theaters. Bereits als 17-jähriger begann
er seine Regiearbeit. Mit über 50 Inszenierungen wurde er
als junger Regisseur in England gerühmt. Zu Beginn der 60er
war er als Co-Direktor der Royal Shakespeare Company tätig.
Die Zeit seiner König Lear Inszenierung im Jahre 1962 markiert
schließlich jedoch eine bedeutende Wende seines künstlerischen
Schaffens.
Starke Zweifel am konventionellen Theater, an seiner kulturellen
und sozialen Relevanz, führen ihn zu einem experimentellen
Theater, das den Schauspieler in den Mittelpunkt stellt. Daraus
resultierten Grunduntersuchungen an der schauspielerischen Arbeit,
bei denen sich Brook stark an den Ideen von Artaud orientierte.
Mit einer Gruppe von jungen Schauspielern arbeitete er an der
stimmlichen und körperlichen Ausdrucksfähigkeit anhand
kleiner Szenen, die unter dem Motto Theater der Grausamkeit
der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Dies meint im
Sinne von Artaud die unerbittliche Aufrichtigkeit des Künstlers
sich selbst gegenüber, im Kontrast zu einem konventionellen
Theater der lebensfernen Repräsentation. Aus dieser experimentellen
Phase Brooks stammt auch seine Inszenierung von Peter Weiß’
Drama Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats,
dargestellt durch die Schauspielergruppe des Hospizes zu Charenton
unter der Anleitung des Herrn de Sade (1964).
Hier hat Brook den Bezug zur Ästhetik von Artaud stark herausgearbeitet.
1970 zog Brook nach Paris, wo er das International Centre
of Theatre Research gründete (und Jahre später
sein, von ihm bis heute bespieltes, eigenes Theater, die Bouffes
Du Nord). Mit diesem Centre (bestehend aus einer internationalen
Gruppe professioneller Schauspieler) unternahm Brook ausgedehnte
Forschungsreisen, u.a. in den Iran und durch Afrika, auf der Suche
„nach einem universellen Theater, als einer Kunst, die Menschen,
unabhängig von Sprache und Kultur, wo immer auf der Welt,
erreichen soll“. Am konsequentesten von allen Regisseuren
der Gegenwart verfolgte Brook die Idee eines Theaters, das die
gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede zwischen den Völkern
zur Kenntnis nimmt und zu überwinden trachtet, ein Theater,
das in der Gegenwart existiert und nicht von einer Bezugsstruktur
abhängt.
Der Hauptwert Brooks experimenteller Theaterarbeit besteht in
der Besinnung auf die elementaren Gegebenheiten und Forderungen
eines lebendigen Theaters, wie dem Ausgehen vom Nullpunkt, der
Suche nach der einfachsten Lösung. Dabei legt Brook gesteigerten
Wert auf ein authentisches Zusammenspiel mit dem Publikum, als
auch den leeren Raum als Ausgangspunkt des Theaterereignisses,
was die absolut zentrale Position des Schauspielers innerhalb
des Bühnengeschehens bei Brook beschreibt.
"Das menschliche Element ist das Hauptaugenmerk. […]
Schauspiel […] die Kunstfertigkeit einer geheimnisvollen
Lebensbewegung […] der Funke des Lebens ist die Verbindung
zum Publikum."
Peter Brook: "Gedanken über Schauspielerei" |
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A.
MNOUCHKINE Théâtre du Soleil "1789" |
Arianne
Mnouchkine, die 1939 geboren wurde und in einem Milieu
aufwuchs, in dem das Kino allgegenwärtig war (ihr Vater war
Filmproduzent), studierte an der Sorbonne Psychologie. 1959 begründet
sie das Studententheater ATEP und macht in diesem Rahmen ihre
ersten Aufführungen. Nach mehreren Reisen im Orient und durch
Lateinamerika, wo sie Kunstformen und –praktiken kennenlernt,
die ihre Theatervision ebenso stark prägen sollten wie später
ihre Ausbildung bei Jacques Lecoq, gründet Arianne Mnouchkine
1964 das Théâtre du Soleil. Darin schart sie Freunde
aus der Universität um sich, von denen derzeit niemand professionell
Theater macht. Der Ansatz der Truppe beruht auf einer Kollektivarbeit,
die sich ein Theater zum Ziel gesetzt hat, das auf seine Umwelt
einwirkt. Die Anfänge der Compangie, deren Funktionsweise
dem Model der Kooperative entspricht, sind zwar bescheiden, werden
aber wahrgenommen. Die Inszenierung La Cuisine (1967)
schließlich bringt enormen Erfolg (63.400 Zuschauer). Plötzlich
und unerwartet entdeckt das Publikum, das sich von der Inszenierung
und der Spielweise begeistern lässt, eine neue Form des Theaters.
Alle nachfolgenden Inszenierungen bestätigen diesen Eindruck.
Das Interesse an einem volkstümlichen Theater und der Wunsch,
neue Publikumsbezüge herzustellen, tritt in zwei Shakespeareinszenierungen
dieser Zeit zutage.
Im Jahre 1970 lässt sich die Compangie in der Cartoucherie
von Vincennes nieder. Im selben Jahr kommt 1789
heraus, die Kultinszenierung des Théâtre du Soleil,
die zunächst in Mailand, dann in Paris gezeigt wird. 1789
macht das Théâtre du Soleil in der ganzen
Welt berühmt für seine ästhetische Form gleichermaßen
wie für seinen politischen Ansatz, der sich vor dem Hintergrund
dieser Improvisationsarbeit abzeichnet, sowie durch die neue Lesart
zeitgenössischer Geschichte. Während die Produktionen
des Théâtre du Soleil mit allen institutionellen
Formen brechen, die die französischen Bühnen zu jenem
Zeitpunkt beherrschen, wird gerade die Cartoucherie paradoxerweise
zu einem der bestbesuchten Tempel des französischen Theaters.
Drei Shakespeareinszenierungen zu beginn der 80er Jahre bezeichnen
einen Wendegang des Soleils, der die Kollektivarbeit zugunsten
einer tieferen Textarbeit und der Suche nach spezifischen ästhetischen
Ausdrucksmitteln opfert. Die Inszenierungen entwickeln die Pracht
einer orientalisch geprägten Ästhetik, die von Kabuki
und Kathakali inspiriert ist und einhergeht mit der Beherrschung
einer dem Shakespearschen Text dienenden Körpersprache. Der
Zyklus erreicht 253000 Zuschauer.
Dem folgt ein Zyklus von zeitgenössischen Texten, die den
politischen Ansatz, den Arianne Mnouchkine für das Theater
hat, sowie ihre Stellungnahme hinsichtlich gewisser Ereignisse
von heute bekräftigen. Geschichte und Theatralität paaren
sich hier gleichermaßen. Hélène Cixous wird
als feste Autorin der Truppe bestätigt.
In den Aufführungen der 90er verbinden sich Tragödie
(teils angelehnt an das antike griechische Theater) und episches
Theater. Auch hier widmet sich die Gruppe antiken und anderen
mythischen Stoffen vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass
trotz aller räumlichen und zeitlichen Distanz durchaus eine
Nähe zu der heutigen Welt besteht. So auch in der letzten
Inszenierung Le dernier Caravanserail (2004), in der
einige Gesänge aus der Odyssey als Grundlage der Thematisierung
von Flucht- und Immigrationsproblematik dienen.
Theatralität, Inspiration durch orientalische Kunstformen
und Stellungnahme in Bezug auf heutige Geschichte sind die Elemente
dieser Ästhetik, die auf dem Spiel des Schauspielers beruht,
der unaufhörlich nach den Grundfesten des Theaters sucht.
Als eine Hauptfigur des zeitgenössischen Theaters wahrgenommen
und gewürdigt, verkörpert Arianne Mnouchkine die ästhetische
Einzigartigkeit und die unablässige Suche nach einem theatralen
Absolutum.
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