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PRESSE

‚Die Welt', 26.06.97: "Hanging Man". Bewegungstheater im Dock 11. Für den der hängt, steht die Welt kopf. Doch auch dieser abgewandelte Traum vom Fliegen stößt bald an physische Grenzen: Maximal fünf Minuten kann ein Mensch in seiner unkonventionellen Position verharren. Das mindestens unterscheidet ihn von der Fledermaus. ... In kurzen Improvisationen untersuchen drei Männer und eine Frau, welche besonderen ausdrucksmittel die Schwerelosigkeit erfordert. "Hanging Man ist dabei Bewegungstheater, das auf Sprache weitestgehend verzichtet, sich auf die Körpersprache konzentriert.... ermöglicht wurde diese "work in progress" - Arbeit aber vor allem durch das Mime Centrum Berlin, das als einzigartige kommunale Einrichtung des Kulturamtes Prenzlauer Berg solche Langzeitprojekte fördert.

Berliner Morgenpost, Volkmar Draeger, 13.08.1998: "Tanz im August": Kopfüber in die Hängelage Das vielleicht speziellste Programm beim diesjährigen "Tanz im August" lief zu nächtlicher Stunde im Dock 11. ... Das Prinzip des Hängens war Thema des einstündigen Abends, so wie es der Prager Ctibor Turba, einst Star des Pantomimen- und Clownstheaters, seit Jahren mit beinah wissenschaftlicher Akribie erforscht.... Viel Bewegungsfreiheit lässt dem Darsteller die Hanglage nicht. Das verknappt seinen Radius und die Ausdrucksmöglichkeiten radikal. Daß man aus gesundheitlichen Bedenken auch nur kurze Zeit kopfüber hängen kann, grenzt die Dauer der Bilder ein und schafft zusätzliche Beschränkungen. ... Eine eigene Ästhetik zeigt sich, wenn die Dame auf dem Trapez reglosen Leibes und starren Gesichts mit der Zunge die Musik "schleckt" und so minimalistisch die vier Temperamente sichtbar macht. Oder wenn ein Hängender und ein Bodenständiger via Kopfputz über Seile verbunden und so in ihrer Auslenkung abhängig sind. Umklammerung und Kampf, Abstoßen und Verhakeln sind Stadien eines Dreierhangs, der mit der starre hängender Schweinshälften beginnt und endet. Das wohl zarteste Bild: Die Frau hangelt und schwingt mit Glassegmenten, derweil zwei Sitzende langsam Jalousien hochziehen und Lichtfülle aus dem Hof in den Saal dringt.

Tagesspiegel, Christine Wahl, 13.08.98: Spinnenlust - Ctibor Turba mit "Hanging Man" beim Tanz im August in Berlin
... Es gibt der wechselweise Abgeseilten vier: die hängenden Männer Marc Pohl, Petr Kruselnický und Ondrej Lipovský sowie die hängende Frau Halka Tresnaková. Der Crew geht es um extreme Grenzüberschreitungen gewohnter Bewegungszeremonien: Wer kopfüber, wahlweise mit einem oder zwei Füßen am Seil befestigt, von der Decke herabhängt, kann sich - das ist klar - schwerlich ritualisierter Formen der Kontaktaufnahme (sagen wir beispielsweise verlässlicher Blickwechsel) bedienen. Zudem zwingt ein derartiger Hang naturgemäß zu Minimalismus, und diese Reduktion kommt bei Turbas hängenden Menschen sympathischerweise nicht als aufdringlich bedeutungsschwangeres choreographisches Kalkül daher. Vielmehr wirkt das Spiel einer Hand, eines Beines oder auch nur einer Zunge in der pendelnden Position bestechend unverkrampft, überraschend konzentriert und außerdem witzig, wenn - beispielsweise beim "Relation" - Streben einer hängenden Frau und eines ausnahmsweise fest auf dem Boden darunter verankerten Mannes - Fluchtversuche nur unter Aufbietung höchstartifizieller Schräglagen Erfolg versprechen. (Die Annäherungen in der Vertikalen sind einfach nur selten gesehen schön.) Fazit: Hängenden Männern und Frauen eignet, sofern sie über die artistische Fähigkeiten von Turbas Darstellern verfügen, eine überraschende, alles andere als bloß morbide Ästhetik!...

die tageszeitung, Eva Behrendt, 22.08.98: Fixierung im Bodenlosen - "Hanging Man" im Dock 11 Der Deckel einer schwarzen Tonne, Modell Restmüll, öffnet sich wie von Geisterhand. Aus ihr schwebt der halbnackte Körper einer Frau, deren Taille bandagiert und über Seile an Deckenverstrebungen aufgehängt ist. An Füßen, linker Hand und geflochtenen Zopf baumeln schwere Gewichte - Steine, größer als Handgranaten. Ein Arm ist frei, und dieser vollführt eine hilflos zarte Bewegung. Zwei Minuten, dann versinkt der von solch unterschiedlichen Kräften gefesselte und beschwerte Körper wieder sachte in der Tonne. Was geschieht mit dem Körper, wenn man ihn den Füßen auf den Kopf stellt? Von dieser Frage haben sich der tschechische Künstler Ctibor Turba sowie die Darsteller Halka Tresnaková, Marc Pohl, Petr Kruselnický, Ondrej Lipovský zunächst in "experimentellen Studien" leiten lassen. Mit der Inszenierung "Hanging Man" präsentiert die tschechisch-deutsche Koproduktion auf der Bühne von Dock 11 Ergebnisse dieser buchstäblichen Fallstudie. Dabei zielt die zündende Idee hinter "Hanging Man" nicht auf verblüffende Akrobatik oder turnerische Höchstleistung. Mit Hilfe des Handikap - der Fixierung des Körpers im Bodenlosen - soll die Suche nach bisher ungekannten Bewegungsformen beginnen. Außer Kruselnický, dem 21jährigen Junior der Truppe, verfügt niemand über eine Tanzausbildung, wohl aber über professionelle Sensibilisierung für ein Theater, das wortlos Geschichten erzählt. Ob "Hanging Man" davor kapituliert, bleibt offen. Gezeigt werden Fragmente, einzelne Übungen - allein, zu zweit oder zu dritt, unterbrochen vom An- oder Abmontieren der Aufhängungsvorrichtungen und vom Surren der Zugmotoren. Die Darsteller treten entschlossen auf und ab, während eine Panflöte enervierend aus dem Off haucht. Trotzdem entstehen daraus irgendwann schöne Bilder: der rituelle Todeskampf zweier gepanzerter Insekten, denen das Baumeln an nur einem Bein unerhörte Eleganz verleiht. Oder das verzweifelte Nichtzueinanderfinden von Mann und Frau; er in am Boden verankerten Schuhen, sie, nur durch wenige Millimeter von seinem Gesicht getrennt, kopfüber von der Decke hängend. Die Köpfe umkreisen einander gierig, sogartig, doch letztlich der Fliehkraft unterworfen. Augenblicke, in denen sich die seltsame Eigengesetzlichkeit des Pendelns offenbart: Sie verweist komplementär auf die unsichtbaren Begrenzungen der Körper in jenen Momenten, in denen wir scheinbar frei und unbeschwert mit beiden Beinen im Leben stehen.

Marie Reslová , Lidové noviny: Wie hängt man im ‚Alfred' zwischen Leben und Tod? Hanging Man - heißt das Projekt des MimeTheaters ‚Alfred im Hof' und des Mime Centrum Berlin, das drei Jahre der experimentellen Bewegungsstudien von Ctibor Turbas Schülern bilanziert. Mehr als ein Zehntel der kurzen Auftritte erwähnen mit der konzentrierten Kraft der Bildlichkeit nicht nur das japanische ‚Haiku' (wie im Programm gesagt wird) ... sondern stehen mit dem Geist sehr nah dem befreienden Ausdruck von Samuel Beckett. Dies ist eines, der sich immer wiederholenden Motiven der begrenzten Bewegung. Vier Mimen von Turba - Halka Tresnaková, Marc Pohl, Petr Kruselnický und Ondrej Lipovsý - sind gefesselt in der ‚unmenschlichen' Hängung mit dem Kopf nach unten. Ihre Körper sind dem Raum, der die kosmische Tiefe evoziert, ausgeliefert. Aber zugleich überwinden sie den Stand der Gravitation. In ihren Körpern verläuft die Bewegung mit reduzierten, elementaren, instinktiven Niveau. Es sind keine gewöhnlichen menschlichen Gesten, die ihre Konvention haben, aber doch rufen sie die Sinnesgefühle hervor, treten sogar in Dialog mit ihnen. Das Besondere - es geht nicht um die Bewegung des Menschen allein, sondern auch um die der Materie und ihre gemeinsamen ‚pränatalen' Bewegungsmöglichkeiten. Die Zunge von Halka Tresnaková veräußert die grundsätzlichen menschlichen Temperamente und sieht zugleich einem Wurm oder Stengel ähnlich, ein belebtes neugieriges Stück Materie, das aus einem trägen Objekt steigt. In den kräftigen oder neurotischen Impulsen, Muskelspannungen und - entspannungen, in den Körperkurven lesen wir außer den abstrakten Mitteilungen auch die menschliche Erfahrung von der eigenen Existenz. Die Ergebnisse der Arbeit von Turba´s Schülern verbinden in Hanging Man die kongenialen musikalischen und bildnerischen Mittel. Die Improvisation von Jiri Stivin atmen wörtlich gemeinsam mit den Mimen und bestimmen die Bedeutungen ihrer Auftritte. Die schwarzen minimalistischen ‚Kostüme' und die kahlen Männerkopfe hinterlassen den Eindruck hingewandt zur asiatischen physischen Kultur, aber auch unterbewusst erwähnen sie auch die erotische ‚Kultur'.

Jan Simurda, die Zeitschrift ‚14': Eine Vorbildliche Lektion für das gegenwärtige Bewegungstheater gab Ctibor Turba mit seinem unprätentiösem Projekt Hanging Man, das in der Zusammenarbeit seines neuen Theaters ‚Alfred im Hof' und des Mime Centrum Berlin entstanden ist. Der hängende Mensch an sich ist für Turba nichts Neues und Unmögliches, vielleicht nur etwas weniger Bekanntes. Er bezeichnet seine Vorstellung als Studie des Hängezustandes. Für die ‚Aufgehängten' ist dies bestimmt ein Zustand der Erschöpfung. Deshalb werden kurze, nur ein paar minutenlange Bilder mit den Lakonischen Namen wie Ab-Hängigkeit, Insekten, die Hand, der Kopf - die eine gründliche Sinnesorientierung für den Zuschauer darstellen. Turba eröffnet mit seinen Protagonisten neue Ausdrucksmöglichkeiten (die Benutzung der Zunge, der Lippen, der Augenlider - oder ausschließlich die Hand), die im Hängezustand eine bestimmende Bedeutung haben. Die Vorstellung wird mit der Musikimprovisation von Stivin potenziert.

(zat) Mladá fronta dnes, 11.6.1997: "Wir laden alle kühnen Zuschauer ein, die Liebhaber von Bildern und grotesken Visionen sind," sagt Ctibor Turba, unter dessen Leitung dieses Projekt entstand. "Nach einem jahrelangem Studium von Hängesituationen schließen wir diese Etappe ab und legen das Ergebnis vor. ...Es entstehen Situationen, bei denen sich die Form der menschlichen Bewegung zu ändern beginnt. "Die Gravitation und der Horizont bestimmen den Charakter der Bewegung. Wenn ich hänge, werden die Bewegungen radikal geändert. Der Charakter der Bewegungen zeigt Formen, die ich bisher nicht kennenlernte."

Village Voice, New York, March 23, 1999, Deborah Jowitt: Raw to Cooked. A critic Roams the Island. I remember there was music. But the sounds that ring in my head after a performance of Alfred in the Courtyard: The Hanging Man are not, say, Jiri Stivin´s passages for flute, but the amplified clanckings and squeakings of wires winding over pulleys. The work, which originated in Prague under the direction of mime artist Ctibor Turba, keeps its performers suspended - freed from the ground, but not from gravity. In a black-and-silver industrial landscape, performers walk into Kitchen´s black box, affix themselves to equipment, and get hauled up. Halka Tresnakova even sits on a trapeze to perform her virtuosic number for solo tongue. Attached by the blade of one ice skate to a frighteningly slender cable, Petr Kruselnický thrashes his free leg around, causing his body to torque and flip through the air like a hooked fish. Hanging by both feet like a side of beef, Ondrej Lipovsky, his shaved head turning red, strains to curl himself upward so he can grab his legs. Like all single-minded enterprises, this one invites speculation. Why hanging? For this group, perhaps because the state of being both off the ground and tethered creates a tension between freedom and constraint. In the bizarrely witty Insects, Lipovský and Kamil Bystrický are attached to their lairs (padded upside down, can barely reach to nuzzle her head against that of Lipovský, who´s standing and leaning, feet anchored to a platform. When she and Kruselnický hang together, proximity makes them edgy; they butt heads, he bites her hair. The cables are not just leashes but lifelines. The ominous noise of ascent and descent accentuates danger, no matter how matter-of-factly the performers tie themselves on. The Gravity of Being is the grimmest of the short episodes. Tresnaková is hauled dripping wet from a trash can by her belt. Rocks hang from her feet, one wrist, and her pigtail. After a few moments of twitching her free arm, she lowered into the can, unhooked, and wheeled away. The performance is both fascinating and chilling. The men with their identical shaved heads, washboard stomachs, and blank demeanor evoke a millennial Metropolis of athletes, practicing punitive feats whose purpose they´ve long forgotten.

Karel Kral: The form and theme of this work is the right to feel the irony of a company of people hanging upside down, secured, restricted in movement. a young man hangs from his skate-clad foot, the girl is weighed down by stones... only a hand dances, a tongue...Floating through the air, these people settle into this thusfar uncertain, empty space. The imagination is modernistic, the inspection of chaotic emptiness is current, post-modern, if you like. the quartet of Pohl, Kruselnický, Lipovský and Tresnaková is brilliant, Stivin´s music is equally masterfull. Hanging Man is one of the most ambitious productions of the year.

Vladimir Mikulka, Telegraf: Hanging Man was quick to disperse certain misgivings that the production would constitute a show of gymnastics as an end in itself. The short sequences (the performance of approximatly one hour contained eleven in total) performed by the four artists, supported by music in a sparsely lit space, managed to create a remarkable, unreal, even phantasmic atmosphere and maintain a high level of tension throughout.

Zdenek A. Tichý, MF Dnes: What must be described as a "bats´ ballett" - the project Hanging Man, directed by Ctibor Turba - was created by four mime artists, Halka Tresnáková, Marc Pohl, Petr Kruselnický and Ondrej Lipovský. During eleven etudes they perform for the most part upside down, hanging either by their feet or foot. In extreme situations accompanied by the permanent threat of the fall, the mime artists`body and mind seek out and discover new ways to express feelings, emotions and reactions.

Marie Reslová, Lidové Noviny: This set of almost a dozen "multiple-verses" in movement or "calligraphic" etudes calls to mind the concentrated strength of imagination not only of the Japanese haiku (as mentioned in the programm) or the energy of artistic symbols, but spiritualilty, they are very close to the free expression of the dramatic texts of Samuel Beckett. The movement of the mime artists´bodies is created on a somewhat reduced, elementary, instinctive level. No customary human gestures are used which would have their own conventional meanings, however, they do awaken sensual feelings and even enter into a dialogue together. It is strange to behold - as if these were not movements of a man but perhaps all known matter together within the "prenatal" possibilities of expression.